Milliarden

23.07.2021

Einlass: 18:00 | Beginn: 19:00

Milliarden

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Eine Autofahrt von Wien nach Berlin. Am Steuer: Ben Hartmann. 2013 gründete er zusammen mit Johannes Aue das Rockgebilde Milliarden. Als Kreativschmiede sind sie zu zweit geblieben. Für die Live-Umsetzung ihrer Lieder und im Aufnahmestudio kommt ein fester Kreis an Musikern dazu. Die sind, laut Hartmann, allesamt bessere Instrumentalisten als er und Aue. Texte und Kompositionen, die gestalterischen Impulse, stammen hingegen ausschließlich von den beiden Milliarden – Gründern. Das mit der Musik fing früh an, mit ungefähr 12. Die Kindergärtnerin, die im Plattenbau in Berlin-Marzahn-Hellersdorf eine Wohnung nebenan bewohnte, konnte zwei, drei Griffe auf der Akustischen spielen – wie eigentlich jede Erzieherin. Ein paar gelauscht und selbstausprobierte Akkorde öffneten Hartmann und Aue eine Welt, in der sie sein konnten. Danach kam Punk. Der Haltung wegen. In der sechsten Klasse gab es Mitschüler, die sich Nazis nannten und kurzgeschorene Haare trugen. Denen begegnete Hartmann mit bunten Schnürsenkeln, seinem ersten Irokesen und der Energie des Skatepunk. Die Freunde aus den benachbarten Asylantenheimen, Russen, Bosnier, Kasachen, und der erste, beste Freund aus der Mongolei, förderten mit ihren Lebensgeschichten ein humanistisches Menschenbild, das zur Überzeugung wurde. Als werbende Geste will Ben Hartmann seine Vita und das was ihn und Johannes Aue ausmacht nicht missverstanden wissen. Sozialromantik ist ihm genauso suspekt wie das schlagwortgerechte Für und Wider unserer Zeit. Man muss Musik nicht mit marktkonformer oder zeitgeistiger Heureka! – Politur anbieten. Sie darf auch für sich sprechen. Unschuldig

Kurz hinter der österreichisch-tschechischen Grenze redet Ben Hartmann über das neue Milliarden- Album „Schuldig“. Es ist das Dritte der Band und es markiert eine Bewegung von dem was vorher war zu dem was jetzt ist. Oder besser gesagt: „Schuldig“ ist, neben all dem Vieldimensionalen, das die Platte ausmacht, auch ein wichtiger Schritt Richtung Selbstbestimmung. „Zuckerplatte“ heißt das frisch gegründete, bandeigene Plattenlabel, dessen erste Veröffentlichung die vorherigen sieben Bandjahre keinesfalls in Abrede stellt. Hartmann und Aue haben sich aber willentlich von Vielem getrennt, um etwas Neues erforschen zu können. Die Sache mit der Unschuld beispielsweise. Man muss die Werke der großen Philosophen nicht kennen, um den Ekel empfinden zu können, den die Unschuld nach sich ziehen kann. Auch das, zugegeben, erheiternde Studium der Schriften Friedrich Nietzsches ist nicht vonnöten, um „Schuldig“ verstehen zu können. Es reicht schon ein Spaziergang durch bundesdeutsche Innenstädte und das Vertrauen auf die eigene Intuition. Der Glaube an die Unschuld ist ein sozialromantisches Konstrukt, ein großer Kitsch, der sich bis zur Unkenntlichkeit durch alles zieht und zieht und zieht und zieht. „Los, leise, langsam, laut…“- dann ist man auch schon mitten im „Schuldig sein“, mitten in den Grauzonen zwischen Teilhaben und Nichtteilhaben an einer Gesellschaft, in der Sex, Medizin und Kokain Verbraucherinteressen definieren.„Poch, poch, herein!“ sagt die Stimme am Ende des ersten Songs der neuen Platte. Es ist das Entree ins Album „Schuldig“. Es kann aber auch der Zugang zu dir, zum Ekel vor dir selbst oder zur Selbstakzeptanz sein, den du dir selbst gewährst – nach dem ganzen Koks – und Pillen – und Menschenfleischrausch.

Die Liebe! Oh, ja, die Liebe. Auch so ein Konstrukt! Was ist Lüge, was ist Wahrheit?

„Wir müssen lieben, um zu leben“ heißt es so schön plakativ in „Die Gedanken sind frei“. Wirklich? Trotz des Bewusstseins, dass uns die Neurosen aneinander abarbeiten lassen, beim Lieben, beim Sex? Nichts auf dem Album „Schuldig“ ist manifest. Alles fließt, alles steht zur Disposition. […]


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